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Notfall

Das richtige Händchen in Extremsituationen

Das richtige Händchen in Extremsituationen

Er ist der neue Direktor der Notfallklinik: Dr. Stephan Steger. Der Ingolstädter ist erst 47 Jahre alt und doch ein echtes Klinikums-Urgestein. Er erzählt im  Interview über seine Begeisterung für den Arztberuf und die Notfallmedizin.

Herr Dr. Steger, Sie sind seit wenigen Monaten der neue Direktor der Notfallklinik und Leiter des Rettungszentrums. Wie haben Sie die Medizin für sich entdeckt?

Dass ich Arzt geworden bin, ist eher einem Zufall geschuldet. Nach dem Abitur habe ich bei einer großen Ingolstädter Baufirma gearbeitet, da mein eigentlicher Berufswunsch Bauingenieur war. Wegen eines Arbeitsunfalls wurde ich im Klinikum Ingolstadt behandelt und dort wiederum habe ich einen Schulfreund getroffen, der mir von seiner Tätigkeit als Zivildienstleistender auf der Internistischen Intensivstation vorschwärmte. Und da ich noch eine Stelle als Zivi suchte, habe ich mich bei Herrn Göllner, damals Stationsleiter der 49 I, heute Pflegedirektor – vorgestellt. Er hat mich genommen und ich habe Einblick in ein faszinierendes Berufsbild bekommen.

 

Die Faszination war so groß, dass Sie Medizin studiert haben?

Ja, nach dem Studium bin ich ans Klinikum Ingolstadt gekommen und habe meine Facharztausbildung in der Inneren Medizin absolviert. Ich wechselte in die damals neugegründete Notfallklinik und wurde Oberarzt. Fünf Jahre später wurde ich Leitender Oberarzt und 2020 nach dem Weggang von Dr. Demetz habe ich die Notfallklinik ein Jahr als kommissarischer Direktor geleitet, bevor ich vergangenen Sommer Direktor wurde.

Ich bin seit vielen Jahren als Notarzt in Ingolstadt tätig und seit 2012 von der Stadt Ingolstadt bestellter Leitender Notarzt. Ich verfüge über die Zusatzbezeichnungen Notfallmedizin und Klinische Akut- und Notfallmedizin.

 

Wie wird man mit 46 Jahren Chefarzt der größten Notfallklinik der Region?

Es war zu Beginn meiner Tätigkeit als Arzt nicht meine Absicht, Chefarzt zu werden. Ich dachte eher an eine Hausarztpraxis. Prägend war sicherlich die Tätigkeit als Assistent auf der Intensivstation und in der Notaufnahme. Dort habe ich entdeckt, dass ich mit Notfallsituationen gut umgehen kann und dass ich gleichzeitig gerne Prozesse analysiere und gestalte. Da ist eine leitende Position von Vorteil. Ich bezeichne die Notfallklinik gerne als mein Baby. Seit der Gründung der Notfallklinik war ich an ihrem Aufbau beteiligt und konnte meine Ideen in die Entwicklung einbringen, habe in dieser Zeit sehr viel gelernt und mich weitergebildet. Meine jetzige Position ist für mich ein Traumjob.

 

Sie haben mehr als die Hälfte Ihres Lebens am Klinikum Ingolstadt verbracht. Was macht dieses Haus für Sie aus?

Das Klinikum Ingolstadt ist ein ganz besonderes Krankenhaus. Es vereint viele Disziplinen unter einem Dach, es ist ein Haus der kurzen Wege und es hat Potential, Medizin auf nahezu universitärem Niveau anzubieten. Während meines Zivildienstes hier am Klinikum bin ich als absoluter Laie in das kalte Wasser der hochtechnisierten Intensivmedizin geworfen und um so herzlicher vom Team aufgenommen worden. Das hat mich und mein Verständnis der Teamarbeit in der Medizin sehr geprägt. Herzlichkeit, flache Hierarchien, Autorität, die auf Kompetenz basiert, Vertrauen in die Fähigkeiten des anderen, darauf basiert die Notfallklinik. Wir arbeiten in Extremsituationen, Stressresistenz und Humor sind wichtige Eigenschaften, die nicht fehlen dürfen.

 

Welche Bedeutung hat Ihre Klinik für das Klinikum?

Ich glaube, die Notfallklinik ist eine der zentralsten Einheiten des Klinikums Ingolstadt. Mehr als die Hälfte aller stationären Patienten im Klinikum werden primär bei uns versorgt. Insgesamt sind pro Jahr deutlich über 40.000 Patienten bei uns. Wir sind für die meisten Patienten das Gesicht des Klinikums oder zumindest der erste Eindruck. Patienten kommen meist nach Unfällen oder akuten Erkrankungen in unsere Notaufnahme. Sie sind verunsichert, wollen, dass ihnen geholfen wird, wollen wissen, wie es weitergeht. Und das alles am besten sofort. Dieses Spannungsfeld aufzulösen und allen Ansprüchen gerecht zu werden, ist die große Herausforderung, vor der wir die nächsten Jahre stehen werden.

 

Wie wird sich die Notfallversorgung am Klinikum entwickeln?

Zum einen geht es darum, den Weg, den wir vor Jahren bereits eingeschlagen haben, weiter zu gehen: Wir haben für die Versorgung verschiedener Krankheitsbilder, wie zum Beispiel für polytraumatisierte Patienten, für reanimierte Patienten, für den akuten Schlaganfall oder den akuten Herzinfarkt genau definierte Teams und Algorithmen. Letztere beschreiben präzise, wie wir vorgehen, welche Medikamente und Prozeduren angewandt werden.  Die Behandlungsteams sind dabei Experten aus nahezu allen Fachkliniken des Klinikums Ingolstadt, die in Gruppen von sechs bis zehn Personen genau aufeinander abgestimmt Patienten auf höchstem Niveau behandeln. Der nächste Schritt wird dabei die Entwicklung standardisierter Algorithmen zur Behandlung des akuten Bauchschmerz sein.

 

Vergleichen Sie sich auch mit den Notaufnahmen anderer Großklinika?

Im nächsten Jahr werden wir dem Netzwerk AKTIN beitreten. Dabei handelt es sich um ein Netzwerk der universitären Notaufnahmen Deutschlands. Gemeinsam wollen wir Erfahrungen austauschen und Behandlungsprozesse weiter vorantreiben. Die Notaufnahme wird dazu mit den beteiligten Kliniken anonymisiert Prozesszeiten vergleichen, so dass wir unsere eigenen Abläufe gezielter beurteilen und an den richtigen Stellen nachbessern können.

Auch technisch treiben wir das Thema Vernetzung und Mobilität weiter voran. Die Notfallklinik wird dazu unter anderem mit neuen, WLAN-fähigen Ultraschallgeräten ausgestattet. Ziel ist es, bereits noch früher mit der Diagnostik beginnen zu können und den Behandlungsprozess zielgerichteter und effizienter gestalten zu können.

 

Wie funktioniert die Notfallklinik?

Sie funktioniert nur in absoluter Teamarbeit. Und dieses Team besteht natürlich aus vielen Berufsgruppen: Pflegende, Reinigungskräfte, Mitarbeiter der Leitstelle, die Kollegen aus dem Transportdienst, Ärzte … jeder leistet seinen Beitrag. Wir sind ein eingespieltes Team und in Notfallsituationen, in denen jede Sekunde zählt, greift eine Hand in die andere.

Wir sind eine tolle Truppe! Und gerade auch im Hinblick auf die Pflege: Die Pflegekräfte der Notfallklinik arbeiten an einem Tag im Schockraum und behandeln einen frischen Herzinfarkt, kümmern sich in der nächsten Schicht um schwerstverletzte Unfallopfer, am Tag darauf sind sie für die akuten Schlaganfälle zuständig und am nächsten Tag haben sie Dienst auf unserer Aufnahmestation. Und das alles auf höchsten Niveau! Es ist für mich schwer in Worte zu fassen, welchen Respekt ich vor dieser Leistung habe.

 

 

Wie sieht die Notfallklinik der Zukunft für Sie aus?

Das ist eine spannende Frage. Ich denke, die Grenzen der einzelnen Fachabteilungen werden immer weiter verschwinden. Wir Notfallmediziner sind ganz spezielle Mediziner. Wir haben die spannende Aufgabe, in kürzester Zeit herauszufinden, was hinter den Beschwerden der Patienten steckt und welche Schritte als nächstes einzuleiten sind. Das erfordert eine bestimmte Einstellung zur Medizin und eine spezielle Ausbildung. An dieser Kompetenz wird man die Notaufnahme der Zukunft erkennen.

 

In welchem Bereich muss in den nächsten Jahren etwas passieren?

Der Bereich, der für jedes Krankenhaus am entscheidendsten sein wird, ist das Thema Personal. Was helfen uns die besten Geräte und Prozesse, wenn wir keine Mitarbeiter haben, die unsere Ideen auch leben? Die Corona-Pandemie zeigt uns gerade auf sehr eindrucksvolle Weise, wie wichtig wir alle als Mitarbeiter sind. Das Angebot von Aus-und Weiterbildung wird in meinen Augen ein wichtiges Attraktivitätsmerkmal sein, um Mitarbeitende zu gewinnen oder halten zu können. Unsere Notfallklinik verfügt daher über Weiterbildungsberechtigungen für die Fächer Innere Medizin und Chirurgie sowie für die Zusatzweiterbildung Klinische Akut- und Notfallmedizin.

 

 

Warum engagieren Sie sich außerhalb des Klinikums?

Die Tätigkeit als Notarzt ist etwas besonders. Es ist eine sehr ursprüngliche Form der Medizin, mit nur wenig Geräteunterstützung, man kann sowohl mit seinen Handlungen als auch mit seinen Worten sehr viel bewegen. Und es ist interessant: Man weiß nie vorher, was sich hinter den Einsatzmeldungen verbirgt, man erlebt eine Vielzahl von Extremsituationen, kein Einsatz gleicht dem anderen.

Warum ich an der Technischen Hochschule Ingolstadt Studenten unterrichte? Ich vermittle gerne mein Wissen und meine Erfahrungen an junge Leute. Ich infiziere sie gerne mit der Neugier auf mein Fach. Ich erkläre gerne komplexe medizinische Zusammenhänge, da ergibt sich die Tätigkeit als Dozent ganz logisch.

Beim Bayerischen Roten Kreuz bin ich schon seit 2013. Die Vorstandstätigkeit ist ein Ehrenamt, das Zeit und manchmal auch Nerven kostet, aber ich bin einfach stolz, den Weg so einer großen Organisation im sozialen Bereich mit lenken zu dürfen.

 

Warum kommen Sie jeden Tag gerne in die Arbeit? Was motiviert Sie persönlich?

So viel Zeit, wie ich in der Notfallklinik verbracht habe, ist sie für mich schon ein zweites Zuhause geworden. Es ist ein schönes Gefühl morgens in die Arbeit zu kommen, die Kolleginnen und Kollegen beim Team Timeout am Morgen zu treffen und den Tag zu beginnen. Und ich genieße es, immer wieder einfach Arzt zu sein und Menschen zu helfen. Selbstverständlich habe ich als Direktor viele andere Aufgaben und sitze viel am Schreibtisch oder in Besprechungen, aber letztlich habe ich genau dafür diesen Beruf ergriffen. Wenn ein Patient, den man reanimiert hat, nach einigen Wochen oder Monaten in der Notaufnahme vorbeikommt, um „Danke“ zu sagen – es gibt nichts Motivierenderes!

 

Was raten Sie jungen Interessenten am Arztberuf?

Seien Sie neugierig und haben sie nicht zu viel Respekt vor der Medizin! Ich kann jedem Interessierten nur raten, ein Praktikum im Klinikum zu machen und am eigenen Leib zu spüren, was es bedeutet, Menschen zu helfen. Und wenn man einmal reingeschmeckt hat, dann wird man feststellen, dass der Arztberuf der schönste Beruf der Welt ist, am schönsten natürlich in der Notfallklinik. Es gibt ein treffendes Zitat von einem Notfallmediziner namens Dan Sandberg: Emergency medicine is the most interesting 15 minutes of all other specialities! Übersetzt: Notfallmedizin sind die jeweils interessantesten 15 Minuten aller anderen Fachdisziplinen. Und das trifft es einfach!

 

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